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ISBN  978-3-9813771-1-8 (Hardcover, 470 Seiten)  23€

Inhalt:
  
Hironen und Zauren sind seit Generationen im Streit um das Wasserrecht. Aili, die Frau des Hironen Eonan kennt den Schlüssel zum Frieden, erliegt jedoch einem Unglück, ehe sie die Völker versöhnen kann. Eonan holt die dafür verurteilte Zaure Fyfa vom Scheiterhaufen. Er verschleppt sie auf die schwer zugängliche Insel "Die Rippe", wo bereits die zornige Leuchtturmwärterin wartet. Struan, der Poet, Fyfas Freund aus Kindheitstagen, macht sich auf die Suche nach ihr. Seinen Weg kreuzt der hasserfüllte Hirone Broc, dessen Bruder auch zu Tode kam ...

Leseprobe:

                                               1
Sechs Scheiterhaufen waren in einem Oval errichtet worden. Ein Siebter, besonders großer in der Mitte überragte alle anderen. Das Reisig lag schon großzügig aufgeschichtet um die rußgeschwärzten Pfosten und immer noch eilte ein nicht enden wollender Strom von Leuten herbei und brachte Bretter, Äste und Zweige. Tief verwurzelter Zorn hatte so manches Gesicht zu einer schrecklichen Maske entstellt – die Bestie Mensch zeigte sich von ihrer grausamsten Seite.

   Besonders der mittlere Scheiterhaufen nahm schnell an Größe zu. Der Anführer sollte brennen, bis nichts mehr von ihm übrig, sein böser Geist durch die gewaltige Kraft des Feuers hoch in den Himmel geschleudert und mit dem Wind weit fort getragen war.

   Es dämmerte bereits, als sich die Prozession mit den Verurteilten dem Dorfplatz näherte. Fünf Männer und zwei Frauen, an Händen und Füßen mit Sackschnur gefesselt, kaum, dass sie ihre Beine bewegen konnten, trippelten barfuss ihren letzten Minuten entgegen. Obgleich die Fehde schon seit Jahren anhielt und auf beiden Seiten so viel Blut geflossen war, zeigten die Verurteilten Reue. Gesenkten Hauptes ergaben sie sich ihrem Schicksal, denn sie wussten, dass die Tat, die sie im Rausch begangen hatten, unentschuldbar war.

   Die Dorfgemeinschaft johlte und grölte übermütig, hier und da flogen faules Gemüse, aber auch mit altem Färbersud gefüllte Beutel auf die in zerschlissenem beigem Nessel gekleideten Delinquenten. Bald sahen sie aus wie Narren, die in ihren bunten Kostümen auf dem Wochenmarkt die Leute erheitern. So manche Farbe traf sie im Gesicht, brannte in Augen, Mund und Nase. Nechtan, der Richter, sah spöttisch grinsend darüber hinweg. Eine der Verurteilten weinte bitterlich, während ihre Leidensgenossen schwiegen oder mit zitternden Lippen vor sich hin jammerten.

   Nur die zierliche Frau mit dem nahezu kahl geschorenen Schädel, die Letzte in der Reihe, blickte unruhig umher. Es hatte den Anschein, als suche sie jemanden. Aber ihr Blick aus grünbraunen Augen war zu apathisch, um irgendein Ziel zu verfolgen. Ab und zu blieb er an Gowan, dem Anführer, Erster in der Reihe, hängen. Ihr Mann.

   Abseits des Dorfplatzes beobachtete eine Gestalt in dunklem Umhang und tief ins Gesicht gezogener Kapuze die Szene, das Gesicht war in der Abenddämmerung nicht zu erkennen. Sie stand im Schutz eines dickstämmigen Baumes, atmete ruhig und wirkte völlig unbeteiligt. Niemand bemerkte sie, denn alle Blicke hingen an den Verurteilten. Als die Gruppe, bewacht von den Waffenmännern der Hironen, an ihr vorbeischritt, war es einzig die kahl geschorene Frau, die die Gestalt bemerkte. Kaum trafen sich die Blicke, da flog der Umhang zur Seite und eine starke Männerhand packte den Schaft eines Messers, das am ledernen Gürtel hing. Der Mann trat aus dem Schatten des Baumes und sein Gesicht, eine rußgeschwärzte Fratze mit harten Konturen, zeigte eine kaum beherrschbare Wut. Die Hand am Messer verkrampfte sich. Er hatte sichtlich Mühe, es nicht hier und jetzt zu benutzen.

   Die Frau blickte schnell wieder nach vorne, musste jedoch sogleich stehen bleiben. Die Prozession hatte die Hinrichtungsstätte erreicht. Als sie sich noch einmal nach dem Mann umsah, war er verschwunden.

   Mit roher Gewalt wurden die Verurteilten aufs trockene Reisig gezerrt, einige wehrten sich mit Händen und Füßen. Zwei der Männer wurden von den Wachen mit Fausthieben niedergeschlagen und zu den Scheiterhaufen geschleift. Wenn sie Glück hatten, würden sie bewusstlos bleiben und ihren grausamen Tod nicht miterleben müssen. Aber kaum waren sie an die Pfosten gebunden, wurden sie auch schon mit stinkendem Wasser, das man ihnen aus einem Färberkübel ins Gesicht schüttete, zu sich gebracht. Sie sollten ebenso leiden wie die Opfer ihrer Tat! So wollte es das Gesetz im Fedausenreich.

   Die junge Frau mit den kurzgeschorenen Haaren zitterte wie Espenlaub, als sie auf das Reisig gezerrt wurde. Die Fesseln wurden ihr gelöst, aber nur, um sie hinter dem Pfosten wieder zusammenzubinden. Noch enger, noch fester, noch endgültiger. Erst die Flammen würden sie wieder lösen. Bei jeder Bewegung spürte sie die Schmerzen ihrer unzähligen Wunden, die ihr unter schwerer Folter zugefügt worden waren. Eine Marter, die nur dazu gedient hatte, den Tod noch qualvoller zu gestalten, und wohl auch, um ihren Mann, der alles mit ansehen musste, zu demütigen. Niemand war länger und härter gefoltert worden als sie, dabei war diese Quälerei unnötig gewesen – alle waren sofort geständig.

   Ein Lächeln schlich sich unkontrolliert in ihre Mundwinkel, das einem tröstenden Gedanken entsprang: Bald würde es vorbei sein, sehr bald. Nur noch einmal Schmerzen, nur noch einmal ausharren!

   Abschied nehmend blickte sie zu ihrem Mann, der, umringt von Fackelträgern, auf dem mittleren Scheiterhaufen stand. Immer noch wurde er aus der Menge mit allerhand Dingen beworfen. Aber nun waren es spitze Steine, die in die Farbbeutel gewickelt waren, und seine Haut, übersät von unzähligen kleinen Wunden, blutete überall. Sein charismatisches Gesicht war unter dem Farb- und Blutschleier kaum noch zu erkennen, das gewinnende Lächeln längst erloschen.

   Gowan suchte ebenfalls den Blick seiner Frau und für einen kleinen Moment fanden sie sich noch einmal, ehe die Fackelträger einen Schritt vortraten und seinen Scheiterhaufen von allen Seiten her entfachten.

   Tränen traten aus ihren Augen, vermischten sich mit dem blauen Sud auf ihrer Wange. Als Gowans Gewand Feuer fing, wandte sie kurz den Blick ab. Doch sie wollte stark sein und blickte erneut zu ihm auf. Sein Stöhnen und Schreien sowie die Flammen, die ihm ums Gesicht schlugen und seine Haare binnen Sekunden versengten, löschten auch bei ihr den letzten Funken Hoffnung aus, diesem schrecklichen Tod zu entkommen.

   Nun wurde ein Scheiterhaufen nach dem anderen angezündet, zuletzt ihrer. Noch während ihr Mann sich im lodernden Flammenmeer im Todeskampf wand, der Wind den Gestank seines verbrannten Fleisches zu ihr herüber trug und seine verzweifelten Schmerzenslaute allmählich erstarben, spürte sie die ersten Flammen stechend an ihren Fesseln und fiel in eine erlösende Ohnmacht.